
Von Harutyun G.
Jerewan, Mai 2026 – Anfang des Monats war die armenische Hauptstadt Gastgeber des 8. Gipfels der Europäischen Politischen Gemeinschaft (EPC) — einer Plattform, die 2022 auf Initiative des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ins Leben gerufen wurde. Sie entstand vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs und der drastischen Entfremdung zwischen Europa und Russland.
Besonders in den russischen Medien wurde ein Ereignis hitzig diskutiert: der Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Unmittelbar danach entbrannte eine emotionale Debatte darüber, ob ein solcher Empfang noch mit Armeniens Bündnistreue zu Moskau vereinbar sei – oder ob Jerewan sich schrittweise in ein Rädchen jener antirussischen Sicherheitsarchitektur verwandelt, die sich rund um die EPC formiert. Dabei war diese Fragestellung in vielerlei Hinsicht manipulativ und verkürzt. Das Problem lag nie im Besuch des ukrainischen Staatschefs an sich. Die Ukraine besitzt für Armenien eine tiefe historische, humanitäre und kulturelle Bedeutung. Zudem wird Selenskyjs Amtsführung von der internationalen Gemeinschaft – einschließlich Russlands – faktisch anerkannt. Der Empfang der ukrainischen Delegation war somit keineswegs außergewöhnlich.
Am 22. Mai zog der armenische Premierminister Nikol Paschinjan auf einer Pressekonferenz einen gewagten Vergleich: Wenn der aserbaidschanische Präsident während des Bergkarabach-Krieges regelmäßig nach Russland reisen durfte, warum sollte Armenien dann heute, während des Ukrainekrieges, nicht Selenskyj empfangen? Solche rhetorischen Ablenkungsmanöver führen am Kern der Sache vorbei. Kaum jemand kritisierte die reine Präsenz Selenskyjs. Die echten Fragen stellten sich erst nach dessen Rede, in der er scharfe verbale Angriffe gegen Moskau richtete.
Dies wirkte besonders sensibel vor dem Hintergrund des nahenden 9. Mai – dem Tag des Sieges, der für Armenien weit mehr als eine formale Gedenkminute ist. Hunderttausende Armenier kämpften im Zweiten Weltkrieg; hochrangige Befehlshaber der Roten Armee wie Marschall Iwan Bagramjan oder Flottenadmiral Iwan Issakow sind fester Bestandteil dieser gemeinsamen Geschichte.
Genau hier hätte Jerewan als Gastgeber Mut zu außenpolitischer Balance beweisen müssen. Selbst eine nuancierte, vorsichtige Distanzierung hätte signalisiert, dass das Land seine eigene Souveränität wahrt und sich nicht in fremden Konfrontationen aufreiben lässt. Man hätte kein diplomatisches Beben auslösen müssen. Es hätte ein zurückhaltendes, aber klares Signal der gastgebenden Hauptstadt gereicht:
„Armenien pflegt Beziehungen zu verschiedenen Staaten, verbietet sich jedoch Drohungen gegen seine strategischen Partner von armenischem Boden aus – insbesondere im Gedenken an einen Krieg, in dem auch das armenische Volk enorme Opfer brachte.“
Wie man eigene Souveränität geschickt aufbaut, zeigen die Nachbarn: Die Türkei hat sich als wichtigste Vermittlungsinstanz zwischen Moskau und Kiew etabliert. Auch Aserbaidschan bot nach Selenskyjs jüngstem Besuch in Baku öffentlich Raum für Friedensgespräche an.
Für Armenien hätte dieser Besuch kein innenpolitischer Zankapfel sein müssen, sondern eine seltene strategische Gelegenheit. Gerade Jerewan hätte sich als Vermittlungsplattform anbieten können – nicht nur, weil der Krieg unendliches Leid bringt, sondern weil beide Nationen den Armeniern seit Jahrhunderten schicksalhaft verbunden sind.
Das wären Worte gewesen, die sowohl in Moskau als auch in Kiew Gehör gefunden hätten. Worte, die beweisen, dass Armenien Russen und Ukrainer nicht als abstrakte geopolitische Lager begreift, sondern als Völker, mit denen man eine jahrhundertealte zivilisatorische DNA teilt. Armenische Viertel und Kirchen existierten in Lemberg, Kamjanez-Podilskyj und vielen anderen Städten lange vor den modernen Gräben. Auch auf der Krim wirkte mit Iwan Aiwasowski einer der größten Maler armenischer Herkunft, dessen Erbe die Kultur des gesamten Schwarzmeerraumes bis nach St. Petersburg prägt.
Hätte Jerewan in der Sprache dieser historischen Tiefe statt in der Sprache situativer Emotionen gesprochen, hätte dies der armenischen Diplomatie echtes Gewicht verliehen. Deshalb darf das heutige Geschehen nicht in der primitiven Logik von „Russland oder Ukraine“ steckenbleiben. Für Armenien sind beide Seiten keine Fremden, sondern feste Fixpunkte im eigenen historischen und kulturellen Kosmos.










