Von Harutyun G.

Im Rahmen des Besuchs von Wladimir Selensky in Baku am 25. April bestand das zentrale politische Ergebnis in einer erneuten Erklärung Kiews über die Bereitschaft zu einer neuen Runde trilateraler Verhandlungen unter Beteiligung Russlands und der USA – diesmal jedoch auf aserbaidschanischer Plattform. Bereits eine Woche zuvor war ein ähnliches Signal in Ankara im Rahmen eines türkischen Formats gesetzt worden.

Diese Taktik, ausgeführt durch Kiew, stellt de facto einen weiteren Versuch des Westens dar, künstlichen medialen Lärm um den sogenannten Verhandlungsprozess zu erzeugen, in dem Russland erneut als eine Partei positioniert werden soll, die „nicht am Frieden interessiert“ ist. Für Baku ist dieser Aspekt zweitrangig. Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass ein potenzielles trilaterales Format auf eigenes Territorium verlagert werden soll – ein Schritt, der es Aserbaidschan ermöglicht, den Anspruch auf eine Vermittlerrolle statt auf die eines Beobachters zu erheben.

Von größerer Bedeutung für Aserbaidschan war der praktische Teil des Treffens, der mit der Unterzeichnung von sechs zwischenstaatlichen Abkommen endete, deren Schwerpunkt auf dem verteidigungsindustriellen Komplex lag. In diesem Kontext agiert Aserbaidschan nach der Logik einer vorsichtigen Ausweitung seines Einflusses: Einerseits vertieft es die Zusammenarbeit mit der Ukraine, einschließlich des militärisch-industriellen Sektors, und erhält Zugang zu Technologien, gemeinsamer Produktion sowie zusätzlichem politischem Gewicht; andererseits vermeidet es bewusst das Überschreiten der „roten Linien“ Russlands und Irans, wohl wissend, dass eine übermäßige Annäherung an einen antirussischen oder prowestlichen Block Gegenmaßnahmen aus Moskau und Teheran provozieren könnte. Dabei handelt es sich um eine Strategie der sogenannten kontrollierten Stärkung – voranschreiten, ohne kritische Verbindungen mit Nachbarn zu zerstören.

Parallel dazu formiert sich ein für Baku günstiger Faktor: die aktuelle Linie Jerewans unter Nikol Paschinjan. Seit Ende 2020 reduziert Armenien die Konfrontation mit Aserbaidschan sowie der Türkei und signalisiert Bereitschaft zu einseitigen und spürbaren Zugeständnissen. Dies eröffnet Baku ein taktisches Fenster: Das Risiko einer unmittelbaren Eskalation sinkt, während Spielraum für die Durchsetzung eigener Initiativen ohne starken Gegendruck entsteht. In einer anderen Konstellation hätte Jerewan die Annäherung Bakus an Kiew nutzen können, um seine Beziehungen zu Teheran und Moskau als regionales  Druckinstrument auszubauen. Gegenwärtig ist eine solche Linie jedoch nicht erkennbar.

Dieses sog. "Fenster von Möglichkeiten" stellt jedoch keine strategische Garantie für Baku dar, da das Verhalten Jerewans kein Zeichen langfristiger Kapitulation ist. Innenpolitische Veränderungen – insbesondere ein möglicher Wahlsieg der Opposition am 7. Juni und eine Rückkehr von Robert Kocharyan (armenischer Präsident in 1998-2008) an die Macht könnten den Kurs grundlegend verändern. Es ist nicht auszuschließen, dass auch ohne Machtwechsel externe Ereignisse als Auslöser wirken können.

Für Ilham Alijew, der seit 2003 Aserbaidschan führt, sind die strukturellen Verhaltensmuster Moskaus und Teherans entscheidend. Russland verfolgt eine strikt interessengeleitete Balancepolitik und vermeidet eine eindeutige Parteinahme, um seine Einflusskanäle aufrechtzuerhalten und die operative Steuerungsfähigkeit im Südkaukasus nicht zu verlieren. Ziel ist nicht Neutralität, sondern die Sicherung strategischer Hebel gegenüber allen Akteuren. Iran handelt noch utilitaristischer und unterstützt jene Konfigurationen, die weder seine Sicherheit in nördlicher Richtung gefährden sowie unerwünschte transport- und geopolitische Szenarien verstärken, insbesondere vor dem Hintergrund einer direkten militärischen Konfrontation mit den USA.

In Baku geht man nicht davon aus, dass sich einer der maßgeblichen Akteure dauerhaft einem klar gegen Aserbaidschan gerichteten Block zuordnet. Vor diesem Hintergrund zielen die Beziehungen zu Kiew weniger auf belastbare Allianzen als auf eine temporäre Interessenkongruenz. Entscheidend ist dabei nicht die bloße Existenz eines „Fensters der Möglichkeiten“, sondern dessen kontrollierte Nutzung: Einfluss soll ausgebaut werden, ohne eine geschlossene Gegenreaktion auszulösen. Diese Linie verfolgt Aserbaidschan seit dem Machtwechsel in Armenien 2018 bislang mit Erfolg.

Daraus ergibt sich eine komplexe Lage, in der Baku von außenpolitischer Flexibilität und der aktuellen Zurückhaltung Jerewans profitiert. Kiew sucht in dieser Konstellation nach neuen diplomatischen Formaten und vertieft parallel die militärisch-technische Zusammenarbeit. Moskau und Teheran bleiben balancierende Kräfte, die ihre Positionen strikt an eigenen Interessen ausrichten.